27 Oktober 2014 0

Wilhelm von Pax über die Ukraine-Krise: Man denkt, es geht um ein paar Verhaftungen, aber nicht um einen Bürgerkrieg

Medienlügen, Sanktionen, US-Interessen... Was zeichnet noch die ukrainische Krise aus? Bekannter und unabhängiger Publizist Wilhelm von Pax beantwortet diese Frage im Europa Objektiv-Interview.

© Foto: Flickr/Human Rights in Ukraine

Europa Objektiv: Die Ukraine-Berichterstattung in europäischen Medien ist ziemlich einseitig. Die Rechtsradikalen in Kiew sind „Kämpfer für Demokratie“, die Bevölkerung der Ostukraine, die mit dem neuen faschistischen Regime nicht einverstanden ist, bezeichnet man als „Separatisten“. Ist das eine absichtliche Lüge oder einfach ein Irrtum?

Wilhelm von Pax: Das ist beides im Prinzip. Und zwar, denke ich, gibt es Alpha-Journalismus, so bezeichne ich es gern, der durchaus von höheren Kreisen beeinflusst wird. Aber die große breite Masse, dennoch Journalisten auch in Deutschland, die natürlich beeinflusst werden durch bestimmte Agenturen, die von dem Chefredakteur in bestimmte Gebiete geschickt werden, bestimmte Bezeichnungen verwendet werden... Und das ganze führt dann zu dieser Art von Berichterstattung. Ich glaube nicht, dass es eine grundsätzliche absichtliche Einseitigkeit sämtlicher deutscher und europäischer Journalisten ist.


Europa Objektiv: Vielleicht, sind die Redaktionen unter politischem oder finanziellem Druck in dieser Lage?

Wilhelm von Pax: Die Redaktionen an sich vielleicht nicht, aber die höheren Kreise, die zirkeln innerhalb der Medienhäuser der Agenturen und die nehmen Einfluss auf die Redaktionen.

Europa Objektiv: Was ist den Deutschen über die humanitäre Katastrophe in Donezk bekannt?

Wilhelm von Pax: Da muss ich sagen, sehr wenig. Wenn man jetzt auf die Gesellschaft schaut, kann man erkennen, dass viele Menschen verwundert sind, wenn es heißt 2000, 3000, 4000 Tote, 100.000 bis 200.000 Flüchtlinge, das ist den Menschen oft gar nicht bewusst. Sie denken, das ist vielleicht eine Polizeimission im Osten der Ukraine, da geht es um ein paar Verhaftungen, aber nicht um einen Bürgerkrieg.

Europa Objektiv: Zu Sanktionen gegen Russland: Ihrer Meinung nach, haben die USA EU-Staaten zu Sanktionen gezwungen, oder nicht?

Wilhelm von Pax: Das ist schwer zu sagen. Es gab ja diese Äußerung von dem amerikanischen Vize-Präsidenten, der es in diese Richtung gehen ließ: ich glaube dass die USA durchaus Einfluss ausgeübt haben, aber ich denke, dass auch europäische Staaten, wie z. B. Großbritannien, die Niederlande und teilweise auch Deutschland da auch gerne mitgezogen haben.

Europa Objektiv: Ist die deutsche Gesellschaft mit den Sanktionen auch einverstanden?

Wilhelm von Pax: Ich denke, die Mehrheit wird dafür sein, zumindest für härtere Sanktionen. Das zeigt sich auch aus relativ unabhängigen Umfragen. Aber das kommt natürlich auch durch das Meinungsbild, das vermittelt wird, durch die Medien, dass es hier einen Aggressor gibt, den es zu stoppen gilt. Und das schlägt sich auf die Meinung aus. Aber man darf es nicht so sehen, dass hier eine überwiegende, überwältigende Mehrheit dafür ist. Ich denke wir bewegen uns hier bei 50%-60%, aber viele Menschen sehen auch härtere und teilweise auch harte wirtschaftliche Sanktionen sehr kritisch in Deutschland.

Europa Objektiv: Wie sehen Sie die Rolle der USA in Ukraine-Krise?

Wilhelm von Pax: Ich sehe die Ukraine ja als Art, auch in meinen Artikeln, und auch als Spielball im Prinzip, zwischen Blockkämpfen. Und da spielen die USA natürlich eine riesige Rolle als westlicher Blockstaat, als Hauptnation, da sie die Chance sehen weiter in Russland, beziehungsweise im Russland-China-Block ranzurücken und insbesondere Einfluss in der Ukraine zu gewinnen. Und die europäischen Staaten ziehen dann natürlich mit. Aber die USA spielen schon eine sehr große Rolle, weil sie hier eine große Chance sehen, in der Ukraine für sie.

Europa Objektiv: Wie könnten Sie die politische Situation in der Ukraine einschätzen? Wie haben Neonazis die Macht in Kiew ergriffen?

Wilhelm von Pax: Das sehe ich leider nicht ganz so recht. Ich sehe das nicht so, dass Neonazis in der Ukraine die Macht vollkommen ergriffen haben. Es gibt große Einflusssphären. Und auch sehr Rechtsdruck in der Ukraine. Und auch sehr viele Naziaufmärsche, die auch wirklich viel Einfluss üben. Doch die große Macht geht, zum Glück, muss ich auch sagen, noch nicht von hundertprozentigen Neonazis aus. Dieser Einfluss, der wurde natürlich gewonnen durch, dass es in der Ukraine, da gab es direkt nach einer kleinen Demokratiebewegung... wurden die natürlich unterstützt von faschistischen Kräften, nationalistischen Kräften. Und danach kam es zu diesem Russland-Konflikt oder zumindest zum russischsprachigen Konflikt. Und da ist es natürlich so, die Menschen, die eigentlich in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt sind, radikalisieren sich dadurch, dass sie sehen, dass ihnen vermittelt wird - es gibt einen Aggressor dem es entgegen zu stehen scheint - und dadurch bekommen natürlich die Neonazis, die Faschisten Zuspruch und haben natürlich durch ihre große Rolle auf dem Maidan natürlich auch Einfluss gewonnen, auch in staatlichen Organisationen.

Europa Objektiv: Sollte man nach den Parlamentswahlen in der Ukraine eine Verschlechterung der Krise erwarten?

Wilhelm von Pax: Ich habe keinerlei Prognosen, aber ich denke es wird keine große Umspurung geben. Ich denke es wird in dieser Richtung bleiben, ich denke auch nicht, dass die faschistischen Parteien an großem Zuspruch gewinnen werden. Denn, wie gesagt, die Gesellschaft in Kiew, die breite Gesellschaft ist nicht faschistisch. Jedoch ist ein deutlicher Rechtsdruck zu spüren, da natürlich noch faschistische Kräfte an der Macht sind, der von diesen Personen ausgeübt wird. Deswegen glaube ich, dass diese nationalistischen Kreise zwar an Macht gewinnen oder zumindest an Machtpositionen bleiben, aber die Gesellschaft nicht faschistisch anzuordnen ist.

Wilhelm von Pax ist der Journalist, Publizist, Herausgeber der Freien Zeitung.


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