13 Januar 2015 0

Katrin McClean: Wir Deutschen müssen wieder zu einer Politik des Dialoges mit Russland zurück finden

Katrin McClean (Katrin Dorn) ist vor allem als Schriftstellerin und Krimi-Autorin berühmt. In 2000 wurde sie mit dem Förderpreis der Deutschen Schillerstiftung ausgezeichnet, in 2003 mit dem Literaturförderpreis der Stadt Hamburg. Während der Ukraine-Krise wurde Katrin McClean zur Friedensaktivistin, die vor allem die einseitige Berichterstattung der deutschen Medien kritisiert.

Foto: © www.nrhz.de 

Europa Objektiv: Wie finden Sie die Berichterstattung über die Ukraine-Krise in deutschen Medien? Sind Sie mit Udo Ulfkotte, der über „gekaufte Journalisten“ und über einen starken Einfluss der USA auf die deutschen Leitmedien geschrieben hat, einverstanden?

Katrin McClean: Das Buch von Herrn Ulfkotte habe ich nicht gelesen. Wenn es um Medienkritik geht, orientiere ich mich lieber an anderen  Autoren. Ich bin ja auch nicht in erster Linie Medienkritikerin, sondern Friedensaktivistin, und da sind für mich z.B. die Standpunkte von Gabriele Krone-Schmalz viel interessanter.

Meine Wahrnehmung der Berichterstattung in der Ukraine sieht so aus:

Es wird immer wieder mehr oder weniger platt oder verklausuliert behauptet, die russische Armee sei in der Ost-Ukraine einmarschiert. Dabei müssen selbst unsere Medien, wenn sie seriös erscheinen wollen, immer wieder einräumen, dass dies nie dokumentiert werden konnte, dass es also einen offiziellen Einmarsch der russischen Armee in die Ost-Ukraine nie gegeben hat. Ebenso wird kaum beleuchtet, dass die Menschen in der Ost-Ukraine allen Grund hatten und haben, sich gegen die Politik der Kiewer Regierung zur Wehr zu setzen, und dass ihr Widerstand zunächst friedlich begonnen hat, bis er im Laufe des harten Kiewer Kurses zu einem militanten Widerstand wurde. Inwieweit russische Soldaten hier mit kämpfen, ist auch in deutschen Medien eine Frage der Spekulation. 

Das Schlimmste an der Ukraine-Bericht-Erstattung ist für mich jedoch, dass man sich permanent kritisch mit Präsident Putin auseinander setzt, aber viel zu wenig Kritik gegen Poroschenko und Jazenjuk vorgebracht wird 

Dennoch täuschen die Medien dem Leser einen russischen Einmarsch vor und legitimieren damit die Politik der Sanktionen und politischen Ausgrenzung Russlands. Das halte ich für falsch und für gefährlich. Es ist gefährlich, in der Bevölkerung Bedrohungsängste zu wecken. Angriffskriege haben häufig damit begonnen, dass man der Bevölkerung zuerst Angst gemacht hat und sie mit Feindbildern geschreckt hat, um sie damit auf einen Krieg vorzubereiten.

Das Schlimmste an der Ukraine-Bericht-Erstattung ist für mich jedoch, dass man sich permanent kritisch mit Präsident Putin auseinander setzt, aber viel zu wenig Kritik gegen Poroschenko und Jazenjuk vorgebracht wird. Das aggressive Vorgehen der ukrainischen Nationalgarde und ihrer Helfer gegen die Bevölkerung in der Ostukraine wird viel zu wenig dargestellt. Man schaut weg und verharmlost. Der eindrückliche Bericht von zwei Abgeordneten des Bundestages (Die Linke), die als einzige deutsche Parlamentarier in die Ukraine gereist sind, und die katastrophalen Zustände im Osten des Landes geschildert haben, fand so gut wie keine Resonanz in den Medien. Gegenüber dem Leid der Bevölkerung in der Ost-Ukraine herrscht eine Ignoranz, die ich als grausam empfinde.

Weiterhin finde ich, dass die Vorschläge von Präsident Putin für einen Dialog, wie sie in Valdai formuliert wurden, von den Medien wegdiskutiert werden, anstatt sie ernst zu nehmen und zu prüfen.

Europa Objektiv: Wie könnten Sie die öffentliche Meinung zu Russland und der russischen Regierung beschreiben?

Katrin McClean: Ich glaube, da findet momentan eine Spaltung in der Gesellschaft statt. Die einen wollen diese Feindschaft zu Russland nicht, sie haben Angst vor einem neuen Krieg und sie haben das Gefühl, dass die NATO der größere Kriegstreiber ist.

Die anderen halten Russland tatsächlich für eine Bedrohung. Dafür gibt es vermutlich verschiedene Ursachen. Wer jahrzehntelang im Kalten Krieg gelebt hat und täglich hören musste, dass Russland bald die Atombombe abschießt, trägt diese Angst vielleicht immer noch in sich. Auch manche Ostdeutsche, die keine guten Erinnerungen an die politische Übermacht der Sowjetunion vor 1989 haben, stehen dem heutigen Russland noch feindselig gegenüber.

Außerdem fällen Deutsche gern ihr Urteil über Russland und kritisieren die russische Gesellschaft als autoritär. Man spricht viel über Menschenrechtsverletzungen, die in Russland stattfinden. Eigentlich ist es ja gut, dass Deutsche so sensibel sind, wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht. Ich würde mich nur freuen, wenn die Deutschen ihre Aufmerksamkeit diesbezüglich etwas gerechter verteilen würden. Im Vergleich zu der Empörung, die aufflammt, wenn in Russland ein Regime-Gegner tot aufgefunden wird, kommen die Kriegsverbrechen der USA doch eher mit Nichtbeachtung davon.

Europa Objektiv: Würden Sie sagen, dass die Medien und Politiker in Deutschland einen Propaganda-Krieg gegen Russland führen?

Katrin McClean: Die Medien agieren nicht durchweg gleich. Ein und dasselbe Organ, wie etwa «der Spiegel», veröffentlicht Artikel, die sachlich und objektiv sind, ebenso wie echte Lügen und regelrechte Hetz-Artikel. Es gibt meiner Meinung nach keinen geschlossenen Propaganda-Krieg. Ich würde aber sagen, dass es regelrechte Medienkampagnen gibt. Etwa ständig sich wiederholende Schlagzeilen und Titelbilder, die das Feindbild Russland und insbesondere die Dämonisierung von Präsident Putin in die Köpfe der Bevölkerung tragen. Das ist vielleicht nicht gleich ein ganzer Krieg aber doch ein Propaganda-Feldzug. 

Das ist vielleicht nicht gleich ein ganzer Krieg aber doch ein Propaganda-Feldzug 

Aber momentan sind unsere Medien vor allem damit beschäftigt, unterschiedliche Bevölkerungsschichten aufeinander zu hetzen. Ganz Deutschland geht demonstrieren. Allerdings nicht gegen die eigene Regierung, sondern gegeneinander. Die Medien spielen hier ein geradezu teuflisches Spiel. Zum einen schüren sie die Ängste vor dem Islam und vor Flüchtlingen, zum anderen erklären sie Menschen, die wegen dieser Ängste auf die Straße gehen zu Ausländerfeinden.

Es hat nichts mehr mit Demokratie zu tun, wenn Medien anfangen, Meinungsbilder zu stigmatisieren. Ähnliches passiert ja im Russland-Konflikt, wo das Wort „Putin-Versteher“ zum Schimpfwort in der politischen Landschaft geworden ist.

Was ich in unseren Medien derzeit am meisten vermisse, ist Sachlichkeit, gesellschaftliche Analyse und journalistisches Hinterfragen. Unsere Journalisten behaupten zu viel und fragen zu wenig, finde ich.

Vielleicht haben sie dafür keine Zeit mehr. Die meisten Journalisten arbeiten freiberuflich, für relativ wenig Geld und unter ständigem Zeitdruck. Da bleibt nicht viel Raum für Recherche und kritische Analyse.

Europa Objektiv: Ihrer Meinung nach, was passiert eigentlich in der Ukraine? Ist das ein geopolitisches Spiel?

Katrin McCleanSpiel würde ich es nicht nennen, wenn Tausende von Menschen sinnlos sterben. Es ist eine Katastrophe. Allerdings glaube ich, dass hier eiskalt Interessen vertreten werden, von Menschen, denen sinnlose Bürgerkriege und das Sterben Unschuldiger offenbar völlig egal sind.

Nach meiner Auffassung arbeiten die USA und die NATO-Länder wesentlich aggressiver an der Ausweitung ihrer Machtbereiche als Russland es tut. Sie tun es nur nicht direkt. Es ist ziemlich perfide, wenn Diktatoren wie Poroschenko oder Jazenjuk offen zugeben, dass sie die zivile Bevölkerung im Osten militärisch bekämpfen und gleichzeitig aushungern wollen. Das ist ganz offensichtlich faschistisches Verhalten, und es ist für eine deutsche Regierung eigentlich ein Unding, eine solche Regierung finanziell und militärisch zu unterstützen. Wenn sie dies tut, macht sie sich mitschuldig. Mehr noch, ich glaube Deutschland benutzt diese Nazis ganz bewusst, um die eigene Einflusssphäre zu erweitern. Und das natürlich in Kooperation mit den USA, die ja viel Geld in diesen Regime-Change gesteckt haben. 

Das ist ganz offensichtlich faschistisches Verhalten, und es ist für eine deutsche Regierung eigentlich ein Unding, eine solche Regierung finanziell und militärisch zu unterstützen 

Europa Objektiv: Ihrer Meinung nach, wie sollte man die Wörter vom ukrainischen Premierminister Arsenij Jazenjuk über die Rolle Russlands im 2. Weltkrieg verstehen? (Er hat gesagt: „Wir können uns alle sehr gut auf den sowjetischen Anmarsch auf die Ukraine und nach Deutschland erinnern. Das muss man vermeiden und keiner hat das Recht, die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges neu zu schreiben.“)

Katrin McClean: Ich kann nur hoffen, dass möglichst viele Menschen diesen Unsinn gehört haben und jetzt wissen, welche Geisteshaltung dieser Mann vertritt. Gerade dieses Zitat sollte die Deutschen doch daran erinnern, wie der letzte Krieg begonnen hat. Jahrelang wurde den Deutschen von der russischen Gefahr erzählt, und dann sind sie in den Krieg gezogen. Deutsche Soldaten haben in Russland furchtbare Verbrechen begangen. Mehrere Millionen russische Zivilisten sind umgekommen, bevor die russische Armee es geschafft hat, die Wehrmacht zurückzudrängen.

So wie wir den Mord an den Juden niemals vergessen wollen, so sollten wir uns auch immer daran erinnern, was die deutsche Wehrmacht in der russischen Bevölkerung angerichtet hat.

Für mich ist es eine Katastrophe, dass diese historische Schuld im heutigen Konflikt mit Russland auch von vielen Deutschen ausgeblendet wird. So wie die Schuld des Kiewer Regimes heute schon wieder ausgeblendet wird.

Ich empfehle allen Menschen den Film „Geh und sieh“ von Elem Klimov anzuschauen, um ihr historisches Gedächtnis wieder etwas aufzufrischen.

Wir Deutschen müssen wieder zu einer Politik des Dialoges mit Russland zurück finden. Einen anderen Weg gibt es nicht für eine friedliche Zukunft. Das ist meine Überzeugung.

Von Nikolaj Ivanov/Europa Objektiv 


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