31 Dezember 2015 0

Recep Erdoğan: Zuerst als Tragödie, zweitens als Farce, drittens als … Monty Python

Von F. William Engdahl

Quelle: info.kopp-verlag.de

Zwischen 1853 und 1856 schlitterte der osmanische türkische Sultan, angestachelt von Großbritannien und dem Frankreich Napoleons III., in einen der absurdesten Konflikte der modernen Geschichte, in den Krimkrieg.

Foto: © Flickr/PASOK

Vielleicht war das bleibende Ergebnis dieses lächerlichen, auf der Krim ausgetragenen Kriegs die oft zitierte Zeile aus Lord Tennysons Gedicht Charge of the Light Brigade (dt.: Balaklawa. Der Angriff der Leichten Brigade):

»Vorwärts; sie fragen und zagen nicht,
Vorwärts; sie wanken und schwanken nicht,
Vorwärts, gehorchen ist einzige Pflicht,
Ins Todestal,
In voller Zahl,
Reiten die Sechshundert.«

(nach der Übersetzung Theodor Fontanes von 1854)1

Das Gedicht beschreibt zutreffend den eskalierenden Konflikt, den der neue Möchtegernsultan der Türkei, Recep Erdoğan, mit seiner ständigen Provokation Russlands entfacht hat.

Nur als Paraphrase gilt der berühmte Satz, mit dem Karl Marx Frankreich zur Zeit Napoleons III. beschrieben hat:

»Die Geschichte wiederholt sich; zuerst als Tragödie, dann als Farce« und jetzt zum dritten Mal als Monty Python und der Heilige Gral. Das trifft nicht mehr auf Napoleon III., sondern auf Erdoğan zu.

Marx benutzte das Zitat ursprünglich, um die absurde Herrschaft Napoleons III., des allzu romantischen Neffen Napoleons I., zu beschreiben.

Dieser hat einen Staatsstreich durchgeführt, Frankreich eine Diktatur aufgezwungen und zusammen mit den intriganten Briten den osmanischen Sultan Abdülmecid I. zum Krimkrieg gegen Russland provoziert.

Der Krimkrieg von 1853 ist in die Kriegsgeschichte als einer der absurdesten Kriege der Neuzeit eingegangen, obwohl natürlich fast alle Kriege absurd sind. Und jetzt scheint Erdoğan auf der russischen Krim am Schwarzen Meer eine Neuauflage davon als Hollywood-Krieg der »B-Klasse« zu beabsichtigen.

Erdoğan trifft sich mit den Tataren

Als ob es nicht genug wäre, seinen Machismo durch den Abschuss eines russischen Su-24-Kampfjets im syrischen Luftraum – der Kriegshandlung eines NATO-Landes – und durch die Ermordung des russischen Piloten in Verletzung aller Grundsätze der zivilisierten Nationen durch Terroristen seiner türkischen Grauen Wölfe befriedigt zu haben, entfacht der hitzköpfige Erdoğan jetzt offenkundig einen Konflikt in der russischen Region Krim.

Berichten vom 19. Dezember in den offiziellen türkischen Medien, dem ukrainischen QHA-Nachrichtendienst und den russischen Sputnik News zufolge traf sich der türkische Präsident Recep Erdoğan mit zwei Organisatoren der jüngsten Nahrungsmittel- und Elektrizitätsblockade, die sich gegen die Bevölkerung der russischen Krim gerichtet hat.

Die türkische Agentur Anadolu berichtete, dass sich Erdoğan in einem Hotel in Konya persönlich mit Mustafa Djemiljew und Refat Tschubarow getroffen hat. Die beiden waren die wichtigsten Organisatoren der sogenannten »Lebensmittel- und Elektrizitätsblockade« der Krim. Djemiljew ist Abgeordneter in Kiew und einer der Führer der Mejlis-Bewegung, die behauptet, die eigentliche muslimische Minderheit der Tataren auf der Krim zu repräsentieren.2

Die ukrainische QHA berichtete, dass Refat Tschubarow und ukrainische Politiker ein Arbeitstreffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu, Erdoğans rechter Hand, hatten.

Laut QHA sprachen die Männer über eine sich anbahnende »strategische Partnerschaft« zwischen der Türkei und der Ukraine, über Aussichten auf eine Freihandelszone sowie über Fragen rund um die »Zivilblockade der Krim« und die »Aufstellung einer militärischen Einheit in der Region Kherson«.3

Zuvor, am 4. August 2015, hatte Erdoğan schon Mustafa Djemiljew und Refat Tschubarow getroffen, als Ankara Gastgeber des zweiten Weltkongresses der Krimtataren war, einer antirussischen Organisation der Exiltataren, deren Mitglieder in der Türkei leben.

Dabei sagte Erdoğan zu den Terroristenführern der Tataren, die Türkei werde nie die russische Annexion der Krim anerkennen.4

Andrei Manoilo, Experte für die »farbigen Revolutionen« der CIA zum Zweck von Regimewechseln und Mitglied des russischen Sicherheitsrates, sagte der russischen Zeitung Svobodnaya Pressa, Djemiljews Krimtataren seien »eng mit dem türkischen Geheimdienst verbunden ..., der sie mit erheblichen Mitteln für ihre Provokationen versorgt. Die sogenannten Mejlis der Krimtataren ... haben sich aus einer politischen Gruppe zu einer Ablenkungstruppe entwickelt, die unter der Schirmherrschaft des türkischen Geheimdienstes operiert«.5

Diese Ansicht wurde kürzlich in einem Sputnik-Radiointerview von Andranik Migranjan, Professor am Institut für Internationale Beziehungen der Moskauer Staatlichen Universität, unterstrichen. Migranjan erklärte, dass »einige der Führer der Krimtataren – darunter Mustafa Djemiljew – seit Langem von türkischem Geld leben.

Sie werden von einer Vielzahl türkischer Organisationen, darunter vom türkischen Geheimdienst und von nationalistischen Organisationen, unterstützt. Es ist auch kein Geheimnis, dass auf allen Karten der türkischen Nationalisten die Krim als Teil eines neuen türkischen Reichs erscheint. Die Idee dahinter ist, dass die Krim mit der Zeit Teil eines einzigen türkischen Staates wird«.6

Bring noch einige Graue Wölfe ins Spiel ...!

Neuerdings wird berichtet, Erdoğan schicke die extrem rechts gerichteten, türkischen, nationalistischen Terroristen, die Grauen Wölfe, in die Ukraine, um sich mit den von Ankara unterstützten muslimischen Terroristen der Krimtataren Djemiljews zusammenzutun.

Anfang Dezember, nach dem türkischen Abschuss des russischen SU-24-Jets in Syrien, veröffentliche Lenur Islyamow, ein nationalistischer Tatar und Hauptorganisator von Djemiljews Nahrungsmittel- und Energieblockade der Krim, ein Foto von sich zusammen mit Mitgliedern der Grauen Wölfe, dem »militanten Arm« der extrem rechten Partei der türkischen Nationalistischen Bewegung, auf seinerFacebook-Seite.

Er schrieb darunter: »Türkische Patrioten aus Bozkurtkar, dem türkischen Ulkuculeri – allgemein als Graue Wölfe bekannt –, besuchen uns bei der Blockade. Der Ring um die Blockade wird enger!«7

Alparslan Celik ist der sogenannte »turkmenische Kommandant«, der sich damit brüstete, den Pilot der von der türkischen Luftwaffe über Syrien abgeschossenen russischen Su-24 getötet zu haben. Er ist türkischer Staatsangehöriger und Mitglied der Grauen Wölfe, die in Syrien an der Seite der DAESH gegen Assads Streitkräfte kämpfen.8

Die Grauen Wölfe waren Ende der 1960er-Jahre als Jugendorganisation der Partei der Nationalistischen Bewegung gegründet worden. Ihr Ziel ist es, alle Turkvölker in einen Staat, im sogenannten »Groß-Turan«, zu vereinen, obwohl die ethnische Zugehörigkeit Turan (des mythischen Stammlandes der Turkvölker) umstritten ist.

Manche behaupten, es beinhalte ein persisches Erbe. Der Gründer der Grauen Wölfe und ihrer Partei der Nationalistischen Bewegung, Oberst Alparslan Türkeş, war ein offener Bewunderer der Ideen Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten.9

Er war zusammen mit der CIA auch der Gründer des türkischen Gladio, jenes antikommunistischen Sabotagenetzwerks in der Zeit des Kalten Kriegs. Seine Grauen Wölfe beteiligten sich daran, Tausende von türkischen Kurden zu ermorden. Mehmet Ali Ağca, der 1981 auf Papst Johannes Paul II. geschossen und ihn verwundet hatte, war Mitglied ebendieser Grauen Wölfe.10

Heute arbeiten die Grauen Wölfe mit dem terroristischen Untergrund im autonomen Gebiet Xinjiang im Nordwesten Chinas zusammen, weil sie das Gebiet für einen Teil von »Groß-Turan« halten oder die Idee eines einzigen Staates für alle Turkvölker vertreten.

Von dort rekrutieren sie junge muslimische Uiguren, damit sie zunächst zum Studium nach Istanbul kommen. Danach werden sie zu radikalen DAESH-Terroristen gegen den »ungläubigen« Assad in Syrien konvertiert und ausgebildet.

Die Grauen Wölfe nennen Chinas Provinz Xinjiang der zumeist muslimischen Uiguren »Ost-Turkestan«. Im August 2015 verübten die Grauen Wölfe einen Bombenanschlag mit 19 Toten und 123 Verletzten in Bangkok wegen der Entscheidung der thailändischen Regierung,  terrorverdächtige Uiguren zurück nach China zu schicken, statt sie in die Türkei reisen zu lassen, wo sie ein Asyl erwartet.

In Europa waren Graue Wölfe an politischen Morden an Kurden beteiligt, haben armenische Denkmäler geschändet und chinesische Touristen verprügelt. Zuletzt wurden sie dabei erwischt, DAESH-Kämpfer für den Krieg in Syrien rekrutiert zu haben.11

Wie obige Karte von »Groß-Turan« zeigt, sind Erdoğans Ambitionen nicht bescheiden. Wenn er – wie es bislang den Anschein hat – wahnsinnig genug ist, um mit Unterstützung der Milliarden aus Saudi-Arabien und Katar und seiner verrückten Besessenheit weiterhin ein neues osmanisches Sultanat errichten zu wollen, könnte er einen neuen Weltkrieg zünden.

Das heißt, wenn nicht die zivilisiertere Welt endlich seines Monty-Python-artigen Größenwahns müde wird.


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